Der Mieter - Residenztheater - Blanka Rádóczy

Der Mieter – Residenztheater – Blanka Rádóczy

von Roland Topor

Premiere 24 Nov 18
Regie + Bühne: Blanka Rádóczy
Kostüme: Andrea Simeon
Musik: Benedikt Brachtel

“My home is my castle” – das waren noch Zeiten, als man diesen Ausruf ironiefrei benutzte. Heutzutage wird man zwischen dem Damoklesschwert Eigenbedarf, demütigendem Bewerbungsmarathon und zusammengeborgter Kaution aufgerieben, bringt den Kindern, sobald sie Stifte halten können, den Unterschied zwischen Miete und Eigentum bei und buchstabiert Gentrifizierung im Schlaf – wenn man denn noch irgendwo schlafen kann.

Trelkovsky, der Protagonist von Roland Topors Roman “Der Mieter”, ist dagegen ein Glückspilz. In Paris auf dringender Wohnungssuche, wird er in einem verfallenen Gebäude fündig. Die Nachbarschaft wirkt knifflig: Am Hauseingang äugt schon die maulfaule Concierge, die nach Schwierigkeiten aussieht. Schräg unter dem Appartement wohnt der alte Vermieter, der dem Handbuch für Wohnungseigentümer entstiegen scheint und Kinder, Musik, Gäste, Geräusche ablehnt, überhaupt vermutlich alles, was auf ein Leben weist. Auf der Gemeinschaftstoilette geschehen seltsame Dinge. Die Wohnung selbst ist vollgerümpelt mit den Habseligkeiten der Vormieterin. Der größte Haken: noch ist die Wohnung gar nicht frei. Die Vormieterin, Simone Choule, hat sich aus dem Fenster gestürzt und liegt schwer verletzt im Krankenhaus. Erst mit ihrem Tod beginnt Trelkovskys neues Leben. Er wird Mieter. Ein Traum.

Ein Alptraum. Ein guter Mieter zu sein erweist sich als mission impossible an der Trelkovsky stetig verzweifelt. Schritt für Schritt löst sich nicht nur sein soziales Leben, sondern seine ganze Identität auf. Überall wird er daran erinnert, dass lebendig sein stören heißt. Und überall trifft er auf frappierende Zeichen, dass in ihm seine Vormieterin weiterzuleben scheint. Zwischen kotbeschmierten Treppenstufen und dem symphonischen Wutklopfen der Nachbarn fliegt Trelkovsky zusehends aus der Ich-Kurve. Wird Stella, Simone Choules Freundin, mit der er ein erotisches Verhältnis beginnt, ihn retten? Oder ist auch sie Teil der finsteren Macht, die sich “Nachbarschaft” nennt? Und ist ein guter Nachbar nicht einfach ein toter Mieter?

Roland Topors Roman – 1976 von Roman Polanski mit ihm selbst in der Hauptrolle verfilmt – lädt eine alltägliche Situation derart mit infernalischem Witz und psychotischem Horror auf, bis unklar ist, wo die Normalität endet und wo der Wahnsinn beginnt. Es gibt nur eine Gewissheit: Nachbarn sind wir alle.